Konzeptionierter Stumpfsinn pt.1

•März 10, 2008 • 1 Kommentar

Als Kind der TV-Generation bin ich ja schon aus Prinzip ein Verfechter des Fernsehens. Ich bin ja quasi mit dem TV in der Wiege großgeworden. Seit einiger Zeit jedoch laden die Sender das Publikum voll mit einem ausgewogenen Programm von pseudowissenschaftlichem Infotainment, pseudorealistischem Dokutainment und pseudeinformativen Nachrichtensendungen. Inzwischen geht es soweit, dass mein Fernseher bisweilen unter einer zentimeterdicken Staubdecke verwaist, ob des umwerfenden Programms.

Aufgrund der starken Konzentration im deutschen TV-Markt fehlt ausreichende Konkurrenz um das Niveau entsprechend positiv zu beeinflussen. Allerdings geben sich die beiden großen deutschen TV-Ketten ProSiebenSat.1 und RTL Group keine große Mühe um diesen Zustand zu ändern. Und die beiden öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF tun ihr Möglichstes um es den Privaten gleich zu machen.

Besonders auffällig wird dies, wenn man aufgrund von Krankheit dazu genötigt wird, den Tag im Bett zu verbringen und sich wenigstens durch dem allseits beliebten TV-Gerät Abwechslung verschaffen will. Da beginnt der Tag mit Wiederholungen der Kategorie „Musik für Senioren“ (Musikantenstadl, ARD), „Seife für´s Hirn“ (Wege zum Glück, ZDF; Reich und Schön, ZDF; Unter Uns, RTL; GZSZ, RTL), „War mal lustig“ (Eine schrecklich nette Familie, Kabel1; Die wilden Siebziger, Kabel 1; King of Queens, Kabel 1), „Mein Leben ist scheiße, deins aber auch“ (Familienhilfe mit Herz, Mein Baby, Unsere erste gemeinsame Wohnung, alle RTL) und den diversen Pseudo-Wissens-Sendungen á la „Quiz Taxi“ und „Abenteuer Leben“.

Wer dieses Spektakel der gehobenen Unterhaltung überlebt, kann gegen Mittag zum ARD-Buffet wechseln um sich auf das abendliche Wettkochen auf diversen TV-Stationen einzustimmen. Das von den beiden öffentlich-rechtlichen Programmen dargebotene Mittagsmagazin wartet schließlich mit winzigen Info-Krümelchen auf und garniert diese mit Überbordendem Boulevard-Journalismus.

Dies wiederum bieten einen hervorragenden Übergang zu ähnlich gestrickten Sendungen wie „Sam“ (Pro7), „Café Trend“ (RBB), „Brisant“ (ARD und Dritte), „hallo Deutschland“ (ZDF), „Leute heute“ (ZDF), „Explosiv“ (RTL), „Exclusiv“ (RTL), „taff“ (Pro7) und „Sat.1 – Das Magazin“ (Sat.1). Womit wir auch schon bei meinem persönlichen Lieblingssender angekommen sind: Sat.1

Dieser Sender ist ja ein ganz spezieller Fall. Wenn man den gesamten Stumpfsinn des deutschen Fernsehens sammeln und zusammen packen würde – man würde Sat.1 neu erfinden. Abgesehen von den Überbleibseln der Talkshow-Ära, die allerdings auch schon fast das Highlight des Programms darstellen, wartet der erste deutsche Privatsender mit konzeptionierten Stumpfsinn auf und bündelt diesen in Sendungen wie „Richterin Barbara Salesch“, „Richter Alexander Hold“, „Niedrig und Kuhnt“, „Lenßen und Partner“ und „K11 – Kommissare im Einsatz“. Allein schon die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die sich das täglich anschauen und sowas für real halten, verursacht dieses Programm ein Schädel-Hirn-Trauma aufgrund des ständigen Kopfschüttelns. So preist der Sender bei „Lenßen und Partner“ strafrechtliche relevante Delikte wie Einbruch, Diebstahl und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensraumes. Wohlgemerkt von den Ermittlern verübt. Diese Delikte werden dann wahlweise bei Alexander Hold oder Barbara Salesch vor Gericht verhandelt. Und dabei wird einem ja eingeredet, mit echten Anwälten und Richtern zu tun zu haben. Wenn dem so ist, kann man nur hoffen, niemals mit einem dieser Stereotypen zu tun haben zu müssen. Das i-Tüpfelchen wird dem Ganzen jedoch mit den Pseudokriminalsendungen aufgesetzt, in denen mit aller Regelmäßigkeit einer der Ermittler in irgendein Dilemma stolpert aus denen ihn „die erfahrenen Ermittler“ schließlich gekonnt befreien.

Abgerundet wird das Ganze mit einem Schmankerl deutscher TV-Untehraltung: „Sat.1 – Das Magazin“. Hier werden neben den üblichen Promi-News so lebenswichtige Themen behandelt wie „Welcher Lippenstift sieht nuttiger aus“, „Wann zerreißt ein BH zwischen 2 Autos“, „Wieso eignen sich weiße Klamotten nicht wenn man isst wie ein Schwein“. Wir könnten diese Themen endlos fortführen. Allerdings musste ich die Studie dieses Formats kurzerhand abbrechen.

Als relativ normaler Mensch sitze ich dann vor meinem bis dahin geheiligten TV-Gerät und frage mich ernsthaft, wie es in den jeweiligen Redaktionen so aussieht und wie ich mir einen solchen Entscheidungsprozess vorstellen muss.

Redakteur 1: „Also meiner Freundin ist ja am Wochenende der BH geplatzt.“
Redakteurin: „Ja, das kenn ich. Finde auch nie die richtige Größe.“
Redakteur 2: „Vielleicht kann man da ja was draus machen.“
Redakteur 1: „Wie jetzt, dass Frauen nie die richtige BH-Größe finden?“
Redakteurin: „Hatten wir doch schon.“
Redakteur 3: „Wir können ja mal testen, wann so ein BH zerreißt.“
Redakteurin: „Das ist gut. Und da können wir auch Material aus dem alten Bericht verwenden.“

Und als könnte es kein Ende geben, wertet Sat.1 selbstproduzierte Formate bis zu 3 mal aus, um neben den Produktionskosten ausreichende Erlöse einzuspielen. Gefahr, dass der Zuschauer wegzappt, scheint bei Sat.1 niemand zu fürchten. Vermutlich kennt man die Konkurrenzprogramme.

An dieser Stelle bin ich so wütend über die TV-Sender, dass jedes weitere Wort unsachlich werden würde. Also komme ich hier zum vorläufigen Schluss und setze dies in einem meiner nächste Beiträge fort.

So long